Schmetterlinge und Enkel-Trick

Mein Weg 49. Teil

Vergleich der Gefühle

Freudig leicht

Tief getroffen

Sie werden sich vielleicht fragen, was Schmetterlinge mit dem Enkeltrick zu tun haben. Nichts, haben sie gemeinsam. Beide haben jedoch sehr viel mit unseren Gefühlen zu tun.

Es ist Samstagmorgen. Meine Arbeit im Garten habe ich erledigt. Im Gegensatz zu vor zwei Jahren war es wenig, für die Jetztzeit war es genug, ohne mir Stress zu machen. Ich bin dankbar, dass ich heute ein Drittel eines Beetes gejätet und drei Pflanzen gesetzt habe. Ich bin sehr zufrieden. Oder besser gesagt: Ulrike ist zufrieden und dankbar. Denn wenn ich den meckernden, nie zufriedenen Ich-Gedanken nachgeben würde, würden sie mir diese liebevollen Gefühle zerstören.

Ich habe diesen Absatz so genau beschrieben, weil ich vermute, dass einige meiner Klientinnen diesen Blog lesen  mit dem, was ihr Körper gerade leisten kann, nicht zufrieden sind, und sich von den Ich-Gedanken niedermachen lassen. Lassen Sie es sein, es lohnt sich nicht.

Nach getaner Arbeit sitze ich auf meiner Terrasse im Schatten und schaue über den Garten. Die verschiedenfarbigen Taglilien und der Lavendel blühen prächtig. Ich stehe auf, weil ich einige Schmetterlinge fotografieren möchte. Ich zähle zehn Kohlweißlinge und drei Große Ochsenaugen. Ein Schachbrettschmetterling fliegt mir direkt vor die Fotolinse. Ein Admiral lässt sich auf meiner Blumenbluse nieder – den kann ich leider nicht fotografieren. Dafür habe ich einen Dieselfalter und zuletzt noch ein Pfauenauge fotografiert. Diese Vielfalt und die Zartheit der Schmetterlinge faszinieren mich immer wieder. In mir erwacht eine Leichtigkeit.

Ich setze mich wieder und freue mich auf die Bilder. Neben mir brummt und summt es im Lavendel. Es gibt so viele Hummeln. Dick behaart, klein, groß, länglich, rund. Spinnen, Ameisen, Käfer und sonstiges fliegendes Kleingetier tummeln sich auf der Terrasse, in den Blumenbeeten und auf dem Rasen. „Es ist noch nicht alles ausgestorben“, denke ich kurz und lehne mich zufrieden zurück.

Ich beobachte, während alles um mich herum still ist. Ich höre keine Motorengeräusche von Autos oder Flugzeugen. In diesen Momenten scheint es auch keine Menschen zu geben. Ich atme automatisch gleichmäßig tief ein und aus, als ein lauer Luftzug um die Ecke kommt und an meiner linken Körperseite entlangstreift.

„Kann es etwas Schöneres geben?“ Das war nicht einfach ein Gedanke. Es waren meine verschiedenen Gefühle, die keine Worte gebrauchen können, da diese sie töten würden. Es ist mein Körper, der wie ein kleines Kind fühlt, egal wie alt er ist. Mein Gehirn hat dafür keine Bezeichnung und die Ich-Gedanken haben keinen Zutritt zu Ulrike.

Nach einer Weile fühle ich mich in mein vegetatives Nervensystem hinein. Selbst der Sympathikus, der jetzt im Garten zu mäandern scheint, zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Der Parasympathikus hüpft wie ein kleines Kind freudig nebenher. Das ist der Heilzustand, den ich auf dem Wankberg bei Garmisch-Partenkirchen auf diese Weise identifiziert hatte. Ich bleibe noch eine Weile so sitzen und fühle. Ich erinnere mich wieder an mein Schatzkästlein und speichere diese innigen Gefühle für eine Zeit, in der es mir nicht so gut geht wie jetzt, ab.

Das sollte nicht lange auf sich warten lassen. Am Nachmittag erhalte ich einen Anruf von extern. Das fällt mir blitzschnell nebenbei auf. Wie schnell doch unser System, unser Organismus, registriert, während unser Verstand sich noch nicht einmal richtig eingeschaltet hat. Mein Unterbewusstsein hat sich schon gewappnet, ohne dass ich es gemerkt habe.

Mit flehendem Ton höre ich weinend und schluchzend: „Mama, Mama, ich hatte einen schweren Unfall.“ „Mit dem Auto“, schiebt die Stimme nach einer winzigen Pause nach.  Blitzschnell registriert etwas in mir: „Das ist der Ton und das Weinen meines Sohnes.“ Prompt erinnert sich mein Unterbewusstsein an einen Anruf vor einigen Jahren: „Hallo, hallo, na, erkennst du mich? Na, na, erkennst du mich?“ Die Stimme und der Tonfall waren wie damals, so täuschend echt.

Es war die Stimme meines Sohnes, als er als kleiner Junge einen Anrufbeantworter schelmisch besprochen hatte und ihn später als Jux erneut benutzte. Ich damals: „Nö, keine Ahnung, weiß ich nicht.“ Das ging ein paar Mal hin und her, bis eine Männerstimme im Hintergrund zuflüsterte: „Sag, dass du ihr Sohn bist.“ Dann wurde schnell aufgelegt. Interessant ist, dass sich diese Erinnerung sofort meldete – nicht mit einzelnen Worten und Beschreibungen, sondern als Paket von Gefühlen in Bruchteilen von Sekunden.

Im heutigen Moment fühle ich, wie mein Körper anfängt zu zittern. Ich bringe nur ein „Ja, ja, ja, ja“ heraus. Der Anrufer setzt erneut an, will etwas sagen, aber meine „Ja, ja, ja, ja” lassen ihn nicht zu Wort kommen, und er legt auf. Die „JAs“ waren ein Reflex, der schneller handelte als mein Verstand. Denn für solche Fälle hatte ich mit meinen Kindern einen Code ausgemacht, den ich jetzt nicht preisgebe. Man könnte zum Beispiel fragen: „Welche Farbe hatte unser letztes Auto?“ Oder: „Wo waren wir vor drei Jahren im Urlaub?“ Die Antwort muss nicht stimmen, aber man kann eine Farbe und einen Urlaubsort als Code festlegen.

So weit kam es jedoch nicht, denn mein Verstand brauchte viel länger als mein Unterbewusstsein, mein Reflexhirn, meine Körpergefühle, die Herz-Gehirn-Achse oder die Organ-Gehirn-Leitung. Oder alles zusammen.

Analyse:

Nachdem der Anrufer aufgelegt hatte, spürte ich, wie mein Herz hinter dem Brustbein hämmerte und stolperte, mein Körper zitterte und ich spürte, wie meine Rückenmuskeln auf Höhe der Nieren bretthart wurden. Mein Solarplexus, die Magengrube, hatte sich verkrampft und zusammengezogen, und mir war übel. Schock, Schreck…

Auch dieses Erfassen dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, denn ich hatte diese Szenen mehrmals in meiner Praxis mit einigen meiner Klientinnen und Klienten als posttraumatische Stressbewältigung erlebt.

Sofort meldete ich mich bei meinem Sohn, im Grunde wissend, dass nichts passiert war, aber die Panik ließ nur wenig klare Gedanken zu. Mein Sohn lobte mich für mein Verhalten, versicherte mir, dass es ihm gut ginge und dass auch dem Auto nichts passiert sei.

Ich spürte in mein vegetatives Nervensystem hinein und stellte fest, dass mein Sympathikus, der für Kampfbereitschaft oder das Wegrennen zuständig ist, nicht wie erwartet reagierte, sondern wie gelähmt war. Er war zum Zerreisen erstarrt und drohte umzukippen.

Der Parasympathikus lag wie eine losgelassene Marionette auf dem Boden. So extrem habe ich das noch nie gefühlt, auch nicht bei meinen Klientinnen und Klienten. Er drohte geradezu zu zerfließen.

Inzwischen kann ich verstehen, warum so viele ältere Menschen auf diese Masche hereinfallen. Wenn das vegetative Nervensystem nicht mehr handlungsfähig ist, schaltet jeglicher Mechanismus aus und der Angreifer hat es leicht, das Opfer zu manipulieren. Angst zu machen ist die beste Methode, um Menschen zu instrumentalisieren, ihnen fremde Gedanken zu suggerieren und sie verbal dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie nicht möchten.

Junge Menschen verurteilen oft die Opfer und meinen, das könne ihnen nicht passieren. Sie werden ja auch nicht angerufen, denn es heißt ja „Enkeltrick”. Enkel haben die meisten jungen Leute noch nicht.

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