Vom Halten und Loslassen
Mein Weg 48. Teil
Glaubenssätze und Muster festhalten
Fotos und Filme halten fest
Loslassen heisst frei sein
Dieses Frühjahr erlebe ich meinen Garten viel intensiver als sonst, weil ich mehr Zeit habe und nicht mehr dreizehn Stunden am Tag aus den Fenstern der Praxis hinausschaue. Ich erlebe, wie der Mohn an einem Tag seine Hüllen wegwirft und bis zum frühen Nachmittag voll erblüht. Zuvor waren es die Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokusse, Narzissen, Tulpen, Küchenschellen, der Osterschneeball, Storchenschnabel, Tränendes Herz und Akelei. Jetzt sind es die Rosen und der Lavendel und noch vieles mehr.
Ich habe ein Fotobuch mit lila und rosa Blumen kreiert. Dafür habe ich alte Fotos zusammengestellt und auch Blumen dieses Frühjahr fotografiert. Manchmal dachte ich: „Ach, das Bild mache ich morgen.” Dann war es schon zu spät. Die Pflanzen ließen ihre Blütenblätter dann schon fallen. Ich hätte die Blüten so gerne länger gehalten. Dieses Verblühen geht mir zu schnell. So bin ich auf die Idee gekommen, ein Fotobuch mit all den wunderschönen Blüten zu gestalten. Ich habe sie festgehalten.
Ich erinnere mich noch an einen Vortrag von Bert Hellinger, den ich mit einer Kamera gefilmt habe. Er hat das Filmen nicht verboten, meinte aber, dass man, wenn man etwas filmt oder fotografiert, etwas festhält und im Leben stecken bleibt. Diese Worte hat mein Verstand zwar aufgenommen, aber in meinem Inneren rumorte es stark.
Seit dieser Zeit bin ich hin- und hergerissen zwischen Festhalten und Loslassen. Meine Gedanken kreisten um das Wort „halten“. Wenn ich etwas in den Händen halte, habe ich sie nicht für etwas Neues frei. Einerseits halte, packe oder ergreife ich etwas, fixiere damit unter Umständen eine Sache und bringe etwas zum Stocken.
Andererseits fand ich den Spruch gut: Begreifen kommt von Greifen. Kleine Kinder können einen Gegenstand nicht einfach durch Anschauen ergründen. Sie werden das Ding immer auch mit den Händen anfassen und sogar in den Mund nehmen, um es zu begreifen. Das zeigt wiederum, dass „halten“ eine wichtige Funktion hat, nämlich die, sich zu entfalten.
Viele von uns wollen Sitten und Gebräuche beibehalten und die genaue Uhrzeit für ein Treffen einhalten. Gut ist es auch, wenn wir eine Gefahr erkennen und ein rasendes Auto anhalten.
Wenn wir etwas halten, dann haben wir es. Haben bedeutet, besitzen wollen, um etwas vorweisen zu können. Wenn wir etwas in den Händen halten, dann umfassen wir es und möchten, dass es uns gehört. Mit aller Macht möchten wir einen Partner, eine Partnerin festhalten, wir beanspruchen diese Person für uns. Sie soll so sein, wie wir sie gerne hätten. Wir halte sie mit Worten und Taten fest, auch wenn es uns dabei nicht gut geht.
Eine Spielekiste enthält beispielsweise Klötzchen. Sie hält sie zusammen, damit sie nicht verloren gehen oder durcheinander auf dem Boden liegen. Manchmal haftet uns ein unangenehmer Geruch, ein Sprichwort oder eine bestimmte Szene an, an die wir nicht gerne erinnert werden.
Das Wort „halten” wird öfter für etwas Negatives oder Destruktives benutzt, stelle ich fest. Andererseits ist es ein Festhalten, wenn ich nochmals auf Fotos und Filme zurückkomme. Es war oft gut, amüsant und lehrreich, meinen erwachsenen Kindern die Filme zu zeigen, die ich von ihnen im Kleinkindalter gemacht habe. „Ach so war das …“ – „Du hattest doch viel Zeit für mich.“ – „Die Marotte hatte ich ja schon als Kleinkind.“ – „Das konnte ich schon alles machen, obwohl ich so klein war?“ Oft gab es Mut und ein besseres Verständnis für sich selbst.
In meinen Beratungen und Aufstellungen zeigt sich oft, dass wir als Erwachsene nach gedanklichem Halt suchen. So haben sich viele Klientinnen und Klienten beispielsweise an Quecksilber oder Viren festgehalten. „Komisch“, dachte ich am Anfang, aber die Gifte und Krankheitserreger waren den Menschen treu. Sie wurden im Körper festgehalten, als es in der Kindheit drohte, keinen Halt mehr zu haben, weil die Eltern oder Erziehungsberechtigten das Kind nicht verstanden haben oder keine Zeit hatten, wenn es diese gebraucht hätte. So werden sogar Erniedrigungen als Halt und Nestwärme festgehalten.
Für mich ist es jetzt hilfreich, mir Bilder anzusehen, auf denen ich dichtes, volles, krauses Haar habe. Durch die Medikamente ist es dünner geworden. Ich nehme die Bilder regelmäßig zur Hand und stelle mir vor, wie mein Haar trotz der Antihormon- und Chemotabletten wieder dicht, kraus und kräftig wird. Es funktioniert. Ich bin froh, dass man mich in meiner Jugend fotografiert und dadurch „festgehalten“ hat.
Wie sieht es mit dem Loslassen aus? Nicht mehr festhalten zu wollen? Eine Art Freiheit genießen? Wie fühlt es sich an, alte Glaubenssätze und Muster loszulassen? Ich lasse meine Muskeln locker. Ich gebe alte, veraltete Ideen auf, die ich mit den Ich-Gedanken verankert habe. Viele selbstständige Männer und Frauen wollen ihren Betrieb nicht aus der Hand geben, wenn die Zeit reif ist. Mir fiel es sehr schwer, einen Teil meiner Büchersammlung wegzugeben. Ich hing an ihnen und wollte sie nicht loslassen.
Es ist wichtig, sich von Familiengeheimnissen oder verfahrenen Beziehungen zu befreien. Bei einer Fortbildung über Aurachirurgie habe ich begriffen, was es bedeutet, ein Joch zu tragen, und wie erleichternd es sein kann, sich zu entjochen. Die Bolzen des Jochs imaginär herauszuziehen, das Joch zur Seite zu legen und loszulassen, ist sehr befreiend. Oft löst dies Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich und befreit von Gefühlen der Fremdbestimmung sowie von Pflichten gegenüber der Familie und den Ahnen.
Beim Familienstellen ist es mitunter wichtig, kurz in die Vergangenheit zu gehen und dann loszulassen. Die Betonung liegt auf Loslassen und nicht auf Grübeln und Festhalten.
Ich erzähle ja immer wieder von meiner Stahlwand, mit der ich zwei Menschen, einen Menschen und eine Institution oder einen Menschen und seine Vergangenheit einander gegenüberstelle. Wenn ich wissen möchte, wie das Verhältnis zueinander ist, stelle ich mir imaginär eine Stahlwand dazwischen.
Das heißt, jeder bleibt bei seiner Energie und es findet in diesem Moment kein Energieaustausch zwischen beider Parteien statt. Oft zeigt sich, dass sich eine Person schnell erleichtert fühlt, nicht mehr im Bann der festhaltenden oder aussaugenden Energie des anderen zu stehen.
Auf der anderen Seite pocht die Person auf die Stahlwand und sagt: „Das kannst du mit mir nicht machen, ich brauche dich doch.“ Das bedeutet: „Ich gebrauche dich nur für meine Zwecke.“ Das ist ein Beispiel von vielen verschiedenen Verhaltensweisen.
Mit der Vergangenheit verhält es sich anders. Meist sagen die Personen: „Aber das geht doch nicht, die brauche ich doch.“ „Wer bin ich ohne meine Vergangenheit?“
Die Vergangenheit auf der anderen Seite der Stahlwand greift sich meist an den Hals, an die Gurgel, und meint: „Gott sei Dank lässt sie mich endlich los. Ich habe es fast nicht mehr ausgehalten. Die Person hat mich beinahe erdrosselt. So extrem wollte sie mich festhalten.“
Loslassen macht frei. Danach sehen wir uns, weil wir uns selbst gefangen halten. Wir tragen symbolisch ein ausgewachsenes Schaf auf dem Rücken und halten es mit beiden Händen an den Vorderhufen auf unseren Schultern fest. Die Hinterbeine schleifen auf dem Boden, sodass wir nur schwer vorankommen. Manchmal haben wir uns etwas aufgebürdet, das nur mit großer Mühe zu ertragen ist. Vielleicht, um anerkannt und geliebt zu werden. Vielleicht, um unsere Eltern glücklich zu machen. Oder um das Joch unserer Ahnen weiterzutragen. Das gilt es herauszufinden und zu lösen. Das zeigt sich beispielsweise in einer Aufstellung.
Können wir Menschen überhaupt mit Freiheit umgehen? Wir sind es nicht gewohnt, frei zu sein. Wenn wir uns weiterhin auf der Wellenlänge der Ich-Gedanken bewegen, werden wir nie erfahren, was wirkliche Freiheit bedeutet. Das kann uns stattdessen unsere Herzenergie offenbaren.
Freisein heißt, eine Tasse mit altem Tee zu leeren, sie auszuspülen und dann neuen Tee hineinzufüllen. Sonst sind wir nicht frei für Neues. Meist lassen wir den alten Tee in der Tasse und gießen neuen dazu. Dann wundern wir uns, warum der neue Tee nicht gut schmeckt.
Unsere Ich-Gedanken halten an der negativ erlebten Vergangenheit und alten Gedanken fest. Sie kennen den alten Sumpf und machen uns vor Neuem Angst. Angst lässt uns erstarren und wir bleiben gefangen.
So sind wir es gewohnt zu sagen: „Ich habe diese oder jene Krankheit, ich habe Rheuma, ich habe Gicht. Ich habe Krebs, ich habe Knoten.
Wir haben eine Krankheit, wir besitzen sie, wir halten sie fest. Anscheinend wollen wir sie nicht loslassen. Dadurch hat es die Krankheit schwer, wieder zu gehen. Schwer gehen bedeutet, dass wir uns selbst belasten und ungern loslassen. „Schwer“ ist ein Wort oder eine Bezeichnung dafür, dass wir vieles festhalten. „Das geht schwer“ bedeutet, dass wir nur darüber nachdenken, etwas zu tun, es aber noch nicht angefangen haben. Wir leiden viel häufiger an unseren Vorstellungen als an der Wirklichkeit.
Halten und loslassen. Schlecht oder gut? Wer weiß?

Ich möchte den Menschen dort abholen, wo er steht, ihn ein Stück begleiten, damit er selbstständig weitergehen kann.