Verzeihst du noch, oder anerkennst du schon?

Mein Weg 52. Teil

Annehmen wie es ist

Vergeben und Verzeihen

In die Herzensenergie gehen

„Bitte verzeih mir.“ „Kannst du mir noch einmal vergeben?“ „Ich verzeihe dir unter einer Bedingung …“

– Gedanken zu diesem Thema aus dem Buch „… denn die Gesundheit kennt den Weg“ (2014)

„Ich vergebe dir.“ „Du musst dir und den anderen vergeben.“ „Ohne Vergebung bist du nicht frei.“ In fast jedem Buch, das gute Tipps für ein besseres Leben gibt, findet man die Worte „Vergeben” oder „Verzeihen”.

Vergeben hat etwas Erhabenes an sich. Es erhebt sich über jemanden.

Der Vergebende erhebt sich über denjenigen, dem er vergibt.

Mit dem Wort Vergebung schwingt die Meinung des Kollektivs mit, dass Vergebung etwas Edles und Gutes sei.

Das Wort selbst verursacht eine ungute Gänsehaut. Es würde wirklich etwas Gutes tun wollen, aber es wird missbraucht, um zu lügen und hinterlistige Pläne zu schmieden. Es ist, als ob man sein Opfer in Sicherheit wiegen möchte und gleichzeitig plant, wie man diese Person einsperren könnte. Vergeben (althochdeutsch „fargeban”) bedeutet austeilen, verschenken, verzeihen, etwas Falsches geben, unrichtig austeilen.

Der Verzeihende schenkt jemandem etwas, das er von ihm zu beanspruchen glaubt. Geben ist nicht so rein, wie ich es erwartet hätte.

Es ist ein Wort, das einzeln dasteht und seine Dualseele sucht.

Erst in Verbindung mit „nehmen” wird „geben” vollständig. Dann sind sie eins. Sie verschmelzen und fühlen sich ganz an.

Beim Vergeben gibt der Vergebende etwas, und der quasi Nehmende nimmt nicht, weil er sich schuldig fühlt, weil er dem Vergebenden nicht geben konnte, was dieser zuvor von ihm erwartet hatte: „Du hast meine Erwartungen nicht erfüllt. Du hast mich zwar enttäuscht, aber ich werde dir verzeihen.“ Zitat Ende.

Heute weiß ich, dass mich diese Situation für immer verbinden wird und mich nicht loslässt.

Verzeihen oder Vergeben hat etwas Klebriges an sich. Das Thema, um das es geht, wird durch Verzeihen nie abgeschlossen. Es schwelt in Raum und Zeit. Was klebt, lässt keine Entwicklung zu. Es begrenzt, macht eng und unbeweglich.

Zum einen verhalten sich diejenigen, die verzeihen, passiv, weil sie das Thema nicht selbst anschauen und aktiv werden wollen. Zum anderen stecken Gefühle wie Zorn, Wut und Enttäuschung dahinter, die auf diejenigen projiziert werden, die das nicht in Ordnung gebracht haben, was die verzeihende Person nicht anschauen möchte. Denn der andere hat es nicht geschafft oder war nicht gewillt, so zu handeln, dass die verzeihende Person zufrieden ist. Er hat tief enttäuscht. Durch das Verzeihen wird diese Person als Versager oder Versagerin abgestempelt.

Das Selbstwertgefühl desjenigen, der verzeiht, ist niedrig. Er oder sie braucht jemanden, den er oder sie niedermachen kann, um sich größer zu fühlen. Der Mensch, der verzeiht, hat die andere Person immer in der Hand und kann das Thema jederzeit wieder aufgreifen. „Denke immer daran, ich habe dir verziehen.“ Das fühlt sich wie eine Drohung an. „Ich war so großmütig zu dir. Enttäusche mich nicht noch einmal.“

Mit diesem Thema habe ich mich lange auseinandergesetzt, als Dr. Klinghardt (Psycho-Kinesiologie) und Bert Hellinger (Familienaufstellungen) es in Fortbildungen angesprochen haben. Das Wort „Verzeihen” war für mich so geläufig, dass ich seine Bedeutung noch nie infrage gestellt hatte. Ich hatte das Wort bisher nicht bewusst in Gebrauch genommen. Es gibt sehr viele Worte, die wir beinahe fahrlässig in den Mund nehmen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, welche Aussage sie treffen und welche Gefühle sie in unserem Körper auslösen, weil sie üblich sind, weil „man“ sie eben so sagt.

Während einer Fortbildung fragte mich eine Mitkursantin in einer Pause, ob es in meinem Leben etwas gibt, das ich mir heute verzeihen müsste. Sie spielte darauf an, ob es ein Leben gibt, das ich nicht gelebt habe.

Ich überlegte kurz und kam nur auf eine Situation, die ich tatsächlich als Scheideweg hätte bezeichnen können. Ich habe ein Jahr in der Schweiz als Physiotherapeutin in einer Höhenklinik verbracht – es war eines der besten Jahre meines Lebens. Ich hatte damals schon den Mann kennengelernt, der sich später als sehr schwierig herausstellte. Er war der Grund, warum ich wieder nach Deutschland zurückging. Mein damaliger Chef bedauerte meine Entscheidung sehr. Wie ich ein Jahr später erfuhr, hätte ich in der Physioabteilung Chefin werden können. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich geblieben wäre? Meine Ich-Gedanken begannen, sich ein Leben auszumalen, kamen aber nicht weit, da meine Ulrike-Gedanken zu wenig Fantasie hatten und auch keine Zeit verschwenden wollten, um sich ein wunderschönes Leben auszumalen, das es nie geben wird.

Sehr viele Jahre später ließ ich mir von einer Namenskarma-Kabbalistin anhand meines Namens, meines Geburtsdatums und meines Geburtsjahres ausrechnen, wer ich bin und welche beruflichen Ziele ich habe. Ich wollte wissen, ob ich meine Arbeit als Physiotherapeutin in Richtung Reiki und Psycho-Kinesiologie ausweiten sollte. Ich schickte die Daten damals per Post. Die Therapeutin rechnete, analysierte und wertete meine Daten aus, sprach sie auf eine Kassette und schickte diese mir wieder zurück.

Als ich sie mir anhörte, war ich erstaunt, wie viel sie über mich wusste, denn Suchmaschinen gab es damals noch nicht. Sie meinte, dass ich die beiden angefragten Behandlungsformen schon in mein Leben mitgebracht hätte. Sie bat mich jedoch, sie zu entschuldigen, wenn sie erwähne, dass ich mir einen sehr schwierigen Mann ausgesucht hätte. Durch ihn käme ich erst in die psychologische Richtung. Das mit dem schwierigen Mann konnte sie ganz sicher nicht wissen. Uns trennten etwa 360 km, sodass sie sicher keine Erkundigungen in einer kleinen Praxis in Baden-Württemberg über mich hätte einziehen können.

Was ich mit dieser Geschichte sagen möchte: Es hätte sich nicht gelohnt, mir ein anderes, besseres Leben auszumalen. Denn es kommt, wie es kommt, wenn wir uns etwas Raum und Zeit lassen.

Natürlich haben wir Wahlmöglichkeiten in unserem Leben und können es nach unseren Vorstellungen gestalten. Es wäre sinnvoll, wenn wir schon in der Schule oder im Elternhaus lernen würden, unserem Herzen zu folgen und nicht unseren Ich-Gedanken.

Diese Unterscheidung wird uns jedoch sehr schwer gemacht, denn wer möchte schon intuitive, kreative und autonome Menschen um sich herum, die sich nicht manipulieren lassen? Das wären wir, wenn wir unserem Herzen folgen würden. Die „Ichs” sind lenkbar und inzwischen selbst zu Manipulierern geworden.

Da ich damals nicht in der Schweiz geblieben bin und kein schöneres, leichteres Leben gelebt habe, soll ich mir jetzt verzeihen, meinte eine Therapeutin.

Die Kabbalistin bewahrte mich vor dem Verzeihen, weil sie mir aufzeigte, dass ich genau den Weg gegangen bin, den ich zumindest beruflich gehen sollte – und der mit dem privaten, schwierigen Mann verknüpft war. Auch wenn sehr viele Menschen in meinem Umfeld meinten, dass ich mit diesem Mann einen Fehler gemacht hätte.

Es ist nicht immer das von den Ichs passiv gewünschte, scheinbare Glück, dem wir nachgehen sollten. Unsere Herzenergie, die mit dem universellen Wissen verbunden ist, muss dann einen größeren Umweg nehmen, die Route neu berechnen, damit wir dort ankommen, wo das Universum uns haben will. Oft bezeichnen wir es als Fehler, Irrweg oder Sackgasse. Dorthin kommen wir, wenn wir unseren Ich-Gedanken folgen. Die sind nie zufrieden. Sobald wir ein Ziel erreicht haben, meckern sie und suchen schon wieder ein neues, besseres, höheres Ziel. Wir kommen nicht zur Ruhe und geben unsere kostbare Energie den Ichs als Fünfgängemenü ab.

Bert Hellinger erwähnte den Satz: „Anerkennen, was ist oder was war.“ Dagegen sträubte ich mich, weil ich oft nicht akzeptieren wollte, was ist oder was in der Vergangenheit war. Leider musste ich im Nachhinein anerkennen, dass ich mir damit erst Probleme erschaffen habe.

Hellinger setzte noch eins drauf, indem er den Satz sagte: „Zustimmen, wie es ist oder wie es war.“ „Das macht frei.“

Zustimmen hieße, die Situation vollkommen zu akzeptieren.

Im Kurs herrschte daraufhin Unruhe und wir meinten, Hellinger sei dogmatisch. Hellinger hat aber nicht diskutiert. Er ließ diese Aussagen im Raum stehen.

Viel später verstand ich. Wahrheiten brauchen keine Diskussionen. Sie stehen da. Nehme ich sie an, geht es mir gut. Nehme ich sie nicht an, dann eben nicht. Eine Wahrheit braucht unsere Meinung nicht. Sie fühlt sich weder besser noch schlechter. Denn eine Wahrheit ist einfach da. Wer sie akzeptiert, macht sie sichtbar beziehungsweise fühlbar, wer sie nicht akzeptiert, lässt sie unsichtbar.

Ein einfaches Beispiel: Es regnet. Ich kann mich darüber aufregen und mir Sonnenschein wünschen. Durch diese Ablehnung verliere ich viel Energie, mein Körper verspannt sich und meint, etwas Schreckliches passiere gerade. Die Biochemie in meinem Körper spielt verrückt, mein Immunsystem wird schwach und mein vegetatives Nervensystem schaltet auf Stress. Das sind nur einige der nennenswerten Reaktionen.

Wenn ich anerkenne, dass es regnet, dann gewinne ich emotionalen Abstand und komme zu meiner Kraft. Wenn ich zustimme, dass es regnet, rückt dieses Thema weit in den Hintergrund und ich habe meinen Kopf für Wichtigeres frei. Ich bin im Hier und Jetzt. Nur hier kann ich leben und wirken.

Ein anderes Beispiel: Eine Person, von der ich erwartet hatte, dass sie mir hilft – ob im Haushalt oder im Berufsleben. Ich fand die Person angenehm und hatte sie so eingeschätzt, dass sie mich unterstützen könnte. Sie tut es nicht. Sie sieht nicht, dass ich ihre Hilfe benötigen könnte. Sie hat ihre eigenen Themen, die sie so beschäftigen, dass sie Scheuklappen hat. Das sehe ich aber nicht. Denn ich „will”. Ich fordere von ihr vielleicht das, was ich als kleines Kind von meinen Eltern nicht bekommen habe. Vielleicht habe ich mit Murren und Wut meine Arbeit selbst fertiggebracht. Oder sie ist mir nicht gelungen. Ich bin noch wütender.

Wenn ich der Person wieder begegne, ich erzähle ihr, dass ich von ihr enttäuscht bin, aber ich verzeihe ihr. Die Person weiß nicht, was ihr geschieht, und gerät unschuldig in eine Schuld-Falle. Das Verhältnis zwischen uns ist brüchig geworden und zwischen uns stehen die Worte „Vergeben” oder „Verzeihen”. Wir verhaften und verkleben im unguten Sinne miteinander. Wir lassen uns nicht mehr los.

Wenn ich anerkenne, dass diese Person mir nicht hilft, und meine Arbeit selbst in die Hand nehme, dann habe ich viel mehr Kraft für mein Vorhaben. Ich bin selbstständig und habe mehr Entscheidungsfähigkeiten. Dadurch bin ich kreativ, intuitiv, autonom und frei. Gleichzeitig lasse ich auch die Person frei, von der ich etwas erwartet hatte, was sie nicht erfüllen konnte.