Dem Vater verzeihen
Mein Weg 53. Teil
Annehmen wie es war
Vergeben und Verzeihen
Eigenverantwortlich
Oft wird Verzeihen als Ausweg für eine fehlende Auseinandersetzung genutzt. Denn wir Menschen sind Meister darin, Konflikte zu vermeiden und zu verdrängen.
Derjenige, dem verziehen wird, wird zu einem Opfer und fühlt sich dadurch schuldig. Durch das Verzeihen wird dem Opfer die Menschenwürde genommen.
Für meine Schilderung habe ich dieses Mal meinen Vater ausgesucht. Denn es fällt uns schwer, unseren Eltern zu verzeihen, wie sie waren. Und doch sollen wir verzeihen, meinen viele Therapeutinnen und Therapeuten sowie Autorinnen und Autoren. Wie ich im vorherigen Artikel schon erwähnt habe, binden wir uns durch das Verzeihen an unser Gegenüber, das es nicht geschafft hat, unsere Erwartungen zu erfüllen.
Sehr oft höre ich von meinen Klientinnen: „Meine Eltern haben mich nie in den Arm genommen oder geküsst.“ Das sind oft Nachkriegskinder, die die Nähe und Zärtlichkeit ihrer Eltern vermissen und meinen, dieses Verhalten sei Schuld an ihren heutigen Problemen.
Jüngere Klientinnen und Klienten sitzen mit ähnlichen Problemen da, nur beklagen sie sich über Gluckeneltern oder Helikoptereltern.
Verzeihen ist klebrig und bestimmt meist einen Schuldigen und einen, der darüber steht.
Es ist ohnehin seltsam, welche Bedeutung wir einem Wort zuschreiben. Manchmal habe ich mich schon gefragt: Wer hat ein solches Wort erfunden? Wenn ich mich in das Wort hineinfühle, steht es da und weiß nicht, was es soll. Erst, wenn wir ihm eine Bedeutung geben und eine Masse von Menschen damit instrumentalisieren, wird es wirksam.
Nun zu meinem Vater. Ein Therapeut sagte zu mir: „Du musst deinem Vater verzeihen, dann bist du frei.“ Damals fühlte ich mich von dem Therapeuten unter Druck gesetzt. Heute weiß ich, dass ihm damals einfach kein Lösungsansatz für mein Thema eingefallen ist.
Ich soll also dem Mann verzeihen, der große Probleme mit seinem Vater und stattdessen seinen 18 Jahre älteren Bruder als Vaterfigur hatte. Er lernte von seinem Bruder, denn sein Vater war nicht greifbar.
Soll ich dem Mann verzeihen und mich über ihn stellen, der als Jugendlicher eine junge Frau „gerngesehen“ hatte, aber wusste, dass sie nie zusammenkommen konnten? Er war der zweite Sohn eines Müllers und Bauern. Der erste Sohn würde Mühle und Hof erben. Mein Vater musste sich deshalb eine Frau mit Bauernhof suchen. Meine Mutter war das zweite lebende Kind eines Bauern und musste sich ebenfalls einen Mann mit Bauernhof suchen.
Wann genau sie sich für andere Partner entschieden und verlobt haben, weiß ich nicht, denn dann kam der Zweite Weltkrieg.
Soll ich meinem Vater verzeihen, der als Jugendlicher in den Krieg eingezogen wurde, ihn überlebt hat und, was mir viel später aufgefallen ist, nur das einigermaßen Gute erzählt hat, das wirklich Schlimme aber immer von uns ferngehalten hat? Seine ständigen Rückenschmerzen, die ihn manchmal stumm werden ließen oder zornig machten, waren einer schweren Verletzung der Nieren durch eine Bombe geschuldet. Diese Schmerzen begleiteten ihn bis zu seinem Tod. Mein Vater sprach selten über körperliche Beschwerden. Wer weiß, was er noch erlitten hatte.
Soll ich meinem Vater verzeihen, dass er darunter litt, meine Mutter nur heiraten zu können, weil ihr Bruder im Krieg gefallen war und sie den Hof nun weiterführen musste? Beide hatten sich bereits verlobt, fügten also ihren früheren Partnern Schmerz zu, und kamen dann doch zusammen. Mein Vater muss meine Mutter sehr geliebt haben, denn er war kein Kirchgänger und wollte zum 60. Hochzeitstag seine Frau in der Kirche nochmals heiraten. Diese stille Liebe, das „Gernsehen“, wie mein Vater es ausdrückte, haben wir Kinder nicht mitbekommen, genauso wenig wie Umarmungen.
Soll ich einem Vater verzeihen und mich überheblich zeigen, weil er noch viel mehr erlebt hat als das, was ich aufgezählt habe: Verachtung, Häme, Neid und Verfolgung, wenn er in der Landwirtschaft neue Saaten ausprobierte und neue Ideen in das kleine Dorf brachte?
Soll ich dem Mann verzeihen, der mir vor seinem Tod tief in die Augen schaute und mir traurig mitteilte: „Ich habe nie vergessen, dass mein Glück auf dem Tod meines Schwagers aufgebaut war. Das hat mich immer bedrückt.“ So wie mein Vater es sagte, wog diese Schuld sehr schwer.
Als Kind und Heranwachsende empfand ich, dass mein Vater viel Wut in sich trug, die mir nicht wirklich galt. Sie prägte mich trotzdem tief. Er hat mich zwar nicht geschlagen, aber wenn er seine Stimme um gefühlt zwei Oktaven senkte und laut wurde, bekam ich Todesangst. Wenn ich intuitiv und kreativ war und meiner Fantasie und neuen Ideen freien Lauf lassen wollte, musste ich mir immer anhören: „Das muss man im Keim ersticken.“ „Dir muss man das Rückgrat brechen.“
Letzterer Satz scheint bei mir eine selbsterfüllende Prophezeiung ausgelöst zu haben. Denn als ich in der Krankengymnastikschule sehr glücklich war, bekam ich einen Bandscheibenvorfall, der operiert werden musste. Mir wurde das „Rückgrat“ gebrochen.
Und 2025, als ich mich mit meiner neuen Situation sehr gut zurechtfand und sogar bei einem Ausflug im Urlaub laut für mich allein ausrief: „Mein Gott, bin ich glücklich.“ brachen ein paar Monate später mehrere Wirbel an. Als ich eines Morgens mit starken Schmerzen im Bett aufwachte, schienen an mir die Worte vorbeizuschweben: „Vater, jetzt ist endlich eingetreten, was du mir immer gepredigt hast. Meine Wirbelsäule ist gebrochen. Im Moment kann ich nur Schmerz empfinden, keine Intuition, keine Kreativität, keine Freude. Das ist das, was du immer wolltest.“ Es war, als würde mir mein Körper, mein Sein, ein Geheimnis offenbaren, das ich mein Leben lang getragen habe. Die selbsterfüllende Prophezeiung hatte einige Zeit in mir geschlafen und ist wieder aufgewacht. Es gab keine Wut, kein Nachtragen und auch keinen Wunsch, meinem Vater zu vergeben. Es war eine Wahrheit, die da war, eine Tatsache, die nichts forderte und in mir eine Erleichterung auslöste, von einem Bann erlöst zu sein.
Und wieder stehen die beiden Sätze wie eine Lösung da: „Anerkennen, was war, und zustimmen, wie es war.“ Das entfernt die gespeicherten destruktiven Gefühle, schafft Distanz und Platz für etwas Neues.
Dass mein Vater mich oft verletzte, mich dazu brachte, mich zu verstecken, mich als Nichtsnutz fühlen zu lassen und mich nur durch sehr viel Arbeit als guter Mensch betrachten zu lassen, war seiner Haltung und Meinung über das Leben, das er kannte, geschuldet. Dass ich all seine Reaktionen sehr eindringlich empfand, lag an meiner Sensibilität. Dadurch haben sich unangenehme Gefühle in meinem Körper versteckt und Glaubenssätze als Schutzreaktionen in meiner linken Hirnhälfte archiviert. „Ich muss besser sein. Ich muss mehr arbeiten, sonst bin ich ein Nichtsnutz. Wenn ich mich klein mache und mich zurückziehe, dann bemerkt mich mein Vater nicht. Ich muss meine intuitiven, seherischen Fähigkeiten unterdrücken …“
„Wenn ich Erfolg habe und wieder einmal meine Freude und meine Intuition mit mir durchgehen, muss ich mich bestrafen.“ Wenn ich es nicht selbst tue, dann kommt jemand von außen und wird mich beispielsweise zu Unrecht beschuldigen. Meine Glaubenssätze brauchen Bestätigung.
All das, was meine Eltern gesagt oder getan haben und mir wehtat, ist nicht so schlimm, wie das, was ich mir jetzt selbst antue. Solange ich die Verletzungen aus der Vergangenheit nicht verarbeite, werde ich mich weiterhin wie ein Kind verhalten, als lebten meine Eltern noch. Ich spiele jedes Leid immer wieder durch.
Verzeihen würde mich in dieser Haltung noch bestärken. Die Anerkennung hingegen schafft Distanz zu meinen Eltern und richtet den Fokus auf mich. Jetzt bin ich selbstverantwortlich und kann die Gefühle und Glaubenssätze, die sich in mir eingenistet haben, auflösen. Wenn ich das denn möchte. Wenn ich meinen Teil ansehen möchte.

Ich möchte den Menschen dort abholen, wo er steht, ihn ein Stück begleiten, damit er selbstständig weitergehen kann.