Ehrlich – Ungerecht

Mein Weg 37. Teil

Lügen schmerzen

Herzenergie

Loyalität versus Authentizität

„Du ehrlicher Michel du“ war kein Kompliment meines Vaters, sondern eine Rüge. Man konnte mir kein Geheimnis anvertrauen, denn ich hätte lügen müssen, wenn mich andere Menschen gefragt hätten, was nicht stimmte.

Mein Deutschlehrer konnte mir ansehen, wenn ich bei einem Diktat spicken wollte. „Ulrike, was du gerade vorhast, würde ich jetzt nicht machen“, war seine Ermahnung – dabei hatte ich nur ans Spicken gedacht. Der Lehrer war ehrlich und dadurch hatte ich Vertrauen zu ihm.

Er war es auch, der meinen Aufsatz vor der Klasse vorgelesen hat, obwohl er aus Sicht des Lehrstoffs am Thema vorbeiging. Das Thema hieß: „Wenn ich einmal reich wäre.“

Abgesehen von den Rechtschreibfehlern war ich gedanklich immer kreativ, emotional und schrieb gute Aufsätze. In Kurzform: „Wenn ich einmal reich wäre, dann hätte ich eine Hütte am Waldrand, etwas außerhalb des Dorfes. Ich würde zu den Menschen hinuntergehen und ihnen helfen. Dafür würden sie mir Eier, Brot, Wurst und Käse geben. Im Sommer würde ich Gras mähen und es zu Heu trocknen lassen. Im Herbst würde ich Nüsse und Obst sammeln. Im Winter würde ich die Tiere im Wald damit füttern. Dann wäre ich reich.“ Es war die Wahrheit, alles andere wäre aus meiner Sicht gelogen gewesen.

Ich vertrage Ungerechtigkeiten nicht. Sie schmerzen mich nicht nur in Geist und Seele, sondern auch am Körper. Der fühlt sich dann an, als hätte man mir die ganze Haut abgezogen. Das war in der Pandemiezeit für mich furchtbar schrecklich. Es war purer Stress, wenn ich die Lügen, den Betrug und die Manipulationen durchschaut, erfühlt und innerlich wahrgenommen habe. Zunächst hat mein Unterbewusstsein, vielleicht auch meine Seele, rebelliert, dann tat mein ganzer Körper weh. Das waren die Zeichen, die letztendlich meinen Verstand ankurbelten, sodass ich eins und eins zusammenzählen konnte.

Ich hatte viele Jahre ein Problem mit der Abschlussnote, Anatomie, in der Krankengymnastikschule. Unser Anatomieprofessor schob die Prüfungen mit uns über zwei Semester lang hinaus. In der mündlichen Abschlussprüfung hatten wir alle Angst, weil wir nicht wussten, wie er prüfen würde.

Ich sollte die Muskeln des Schulterblattes namentlich aufzählen und einige, die über den Hals verlaufen. Mir fiel ein, dass der Professor während der Vorlesung bestimmte Geschichten erzählt hatte. So setzte ich meiner Aufzählung hinzu, dass der Henker in „Maria Stuart” zögerte, weil er so fasziniert von ihrem Trapezmuskel war, der sich von der oberen Schulter über den Hals zieht.

Der Professor lächelte zustimmend – er erinnerte uns in Aussehen und Sprache an die Lehrer aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“ – und gab mir eine Eins. Das war ungerecht meinen Mitschülerinnen und Mitschülern gegenüber, die solch eine Geschichte zu ihrem Prüfungsthema nicht anhängen konnten und eine schlechtere Note bekamen.

In letzter Zeit bin ich auf eine andere Form der Unehrlichkeit gestoßen, der ich ja bei Familienaufstellungen ständig begegne. Wer sind wir wirklich? Was ist aus dem Original geworden, als wir geboren wurden? Wie viele Kopien haben wir von uns gemacht?

Ich übe jetzt mehr denn je, mit meinem Namen zu sein. Denn meine Knoten gehen in Resonanz mit den Ich-Gedanken, ebenso wie meine Medikamente, und sie alle wollen nichts von Ulrike.

Wenn Ulrike gesund sein möchte, ist es gut, Ulrike zu sein. Das ist eine liebevolle, ehrliche und auch starke Ebene. Es ist eine Wellenlänge, zu der die Ichs keinen Zutritt haben und die Medikamente nicht angreifen können. Zur Ulrike-Energie gehört die Herzenergie, die Alphastufe. Dort ist der Parasympathikus zu Hause, der heilen kann. Dort ist es still und trotzdem friedlich erfüllt. Dort kann ich kurz rausgehen und all meinen Gefühlen freien Lauf lassen, aber wieder zurückkommen in mein Haus, meine Ulrike-Heimat.

Als ich im Wartezimmer der Augenärztin saß, merkte ich, wie mein Herz schneller schlug, mein Bauch sich zum Schutz aufblähte und ich Mühe hatte, mich wieder zu beruhigen.

Der Hintergrund ist, dass ich meine Augen untersuchen lassen sollte, da ich in letzter Zeit Blitze am Augenrand gesehen habe. Diese wurden besser, als ich einige Tage eine Medikamentenpause gemacht hatte. Die onkologische Ärztin meinte, es könnten die bekannten Nebenwirkungen sein, was man abklären sollte, damit es nicht zu einer Netzhautablösung kommt.

Ich registrierte die Angst, was bei der Untersuchung herauskommen würde. Medikamente, Netzhautablösung und Nebenwirkungen sind Worte, bei denen sich meine Ich-Gedanken sofort einschalten und ein Problem daraus machen, das noch keines ist.

Also übte ich, Ulrike zu sein: Ich atmete tief durch, führte das Lächelnmudra aus, spürte Ulrike, bis sich mein Körper entspannte und sich weich anfühlte. Plötzlich war die Angst verschwunden und eine Gelassenheit machte sich breit. Ich wurde in das erste Zimmer gerufen. Der Augendruck und die Sehstärke wurden gemessen und ich bekam einige Tropfen in beide Augen geträufelt. Ich wartete, spürte Ulrike und blieb ruhig. Bei der Anamnese wollte die Ärztin alles über Befunde, Medikamente (ich hatte alle Unterlagen dabei) und meine Augenprobleme wissen.

Sie untersuchte meine Augen gründlich, vor allem die Netzhaut. Sie fand eine Kleinigkeit, die aber wohl schon älter sei. Dann fragte sie, wann ich das letzte Mal beim Augenarzt gewesen sei. Ich schätze, das ist mindestens zwanzig Jahre her. Ich bin nicht mehr erschrocken, wenn ich ein Augenrollen und eine missbilligende Mimik hinter dem Pokerface erkenne. Ich würde gut sehen (Staunen) und bräuchte also keine Brille. Bei dieser Aussage verneigte ich mich vor Norbekov und Julia, die mir beigebracht haben, besser zu sehen. Seit 2018 mache ich mal mehr, mal weniger die Übungen und brauche seitdem keine Brille mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Ängste im Vorhinein sind erfunden, gelogen und haben nichts mit der Realität zu tun. Es sind Ich-Gedanken, die mir viel Energie rauben, Probleme schaffen und meine Stimmung beeinträchtigen. Ulrike hingegen vergeudet keine Kraft im Vorfeld, sondern wartet ab. Meist weiß Ulrike bereits im Voraus, was passiert. Denn genau das sind Eigenschaften unserer Herzenergie.

Wir haben vor lauter Loyalität gegenüber unseren Eltern unsere eigenen Bedürfnisse weit in den Hintergrund geschoben, eine Maske übergezogen und die Vorstellungen unserer Eltern befriedigt, in der Hoffnung, geliebt zu werden. Keiner hat uns beigebracht, bei unserer Authentizität zu bleiben, sodass wir geliebt und gemocht werden, wie wir sind. So erschaffen wir unsere eigenen Lügen.