Beobachtungen

Mein Weg 40. Teil

Übergriffig

Schuld- Ausmaß

Nebelwolken

Andere Situationen führen oft zu neuartigen Blickwinkeln auf unsere Umwelt. Manchmal fällt einem etwas auf, das schon lange von anderen Menschen oder Wissenschaftlern publiziert wurde.

Im Garten ist mir beispielsweise beim Staudenschnitt oder im Sommer, wenn die Stauden, Gräser und Büsche blühten, aufgefallen, dass sie sich wie einige unserer unliebsamen Mitmenschen verhalten. Die Herbstanemone, der ich letztes Jahr nicht Einhalt geboten habe, blühte bis in den Winter hinein wunderschön rosa und war eine Augenweide. Ich wusste, dass sie sich stark ausbreiten würde. Ihre prächtig ausladenden Blätter verdeckten alle Pflanzen darunter und nahmen ihnen Licht und Regen. Sie nahmen ihnen buchstäblich die Luft zum Atmen. Die kleineren Pflanzen starben unter dem mächtigen Blätterdach ab.

Jetzt im Frühling vermisse ich zum Beispiel die verschiedenen Storchenschnäbel und den Blühsalbei, die dort wuchsen.  Außerdem vermehren sich die Herbstanemonen unterirdisch. Ihre Ausläufer sind nicht nur starke, dicke Wurzeln, sondern weit verzweigt und bilden neue „Filialen” aus, „neue kriminelle Strukturen werden geschaffen“ . Das erinnert mich an so manche gesetzwidrige Bande, die man nie ganz zu fassen bekommt. Meistens nur die Kleinen.

Deshalb habe ich mich in den letzten Tagen gefreut, wieder neue Pflanzen setzen zu können – mit Hilfe einer Klientin. Taglilien und Blühsalbei. Seitdem lese ich jeden Abend hunderte von noch winzigen Schnecken ab. Die wissen, wie sie groß und stark werden. Sie fressen die Knospen ab, das Herzstück der Pflanzen. Zuerst machten sie sich an die Iris und Schwertlilien heran und jetzt an die frisch gesetzten Pflanzen.

Für uns Menschen gibt es Gemmomittel, auch Knospenmittel genannt. Sie werden aus Knospen und Triebspitzen gewonnen und verarbeitet. Es handelt sich um Vitalstoffe, die bei akuten und chronischen Beschwerden eingesetzt werden können. So sind beispielsweise die Knospen der schwarzen Johannisbeere bei Entzündungen einsetzbar. Der Mammutbaum stärkt Kraft und Durchhaltevermögen. Knospenmittel werden häufig zur Stärkung des Immunsystems, bei Entzündungen oder zur Regeneration eingesetzt. Ich habe einige Vorträge eines wissenschaftlichen Arztes und einer Kräuterfrau angehört und eine Firma gefunden, die diese Mittel noch auf traditionelle Weise herstellt.

Ich will hier nicht näher darauf eingehen, nur so viel: Wir Menschen stellen diese Wirksamkeiten wieder einmal in Frage, weil sie wissenschaftlich nicht nachweisbar sind. Die Tiere sind da schlauer als wir. Die Schnecken und Raupen auf jeden Fall. Sie ernähren sich von den Triebspitzen und werden groß, kräftig und gesund.

Eine Klientin sagt, sie sei mit ihren Nerven fertig, denn sie möchte viel für den Klimawandel tun, hat aber nicht das Geld, um ihr ganzes Haus umzurüsten. Sie ist geschieden, hat drei Kinder großgezogen und zusätzlich gearbeitet. Ihre Rente ist nicht hoch genug, um eine Photovoltaikanlage und eine Wärmepumpe installieren zu lassen. Sie kommt mit ihrem schlechten Gewissen nicht klar. Sie spart bereits bei Wasser, Strom und Heizung und vermeidet Plastik in einem gewissen Maße.

In letzter Zeit höre ich das öfter: die Angst, nicht gut genug zu sein, ein schlechtes Gewissen zu haben, nicht genug für die Umwelt tun zu können und die Schuld für die Nachfahren zu tragen. Das ist Unsinn.

Ich habe der Klientin außerdem gesagt, dass sie die Erderwärmug nicht alleine tragen muss, denn die Hauptschuldigen sind doch unsere Kühe, die Methan pupsen. In einigen Ländern wollen sie sogar eine Klimasteuer auf Kühe erheben. Wir konnten beide etwas lachen. Wir sind uns bewusst, alles Zuviel und über jedes Maß tut keinem gut.

Ich habe ihr das große Ausmaß veranschaulicht: Denken wir an die vielen Fabriken und ihre Ausscheidungen. Und dass die Kriegstreiber, die Verantwortlichen für den Bau und Gebrauch von Waffen sowie die Zerstörung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Gebäuden und Gas- und Ölreservoirs, keinen Gedanken an den Klimawandel verschwenden. Sie scheinen keine Empathie zu haben, keine Schuldgefühle oder Angst. In Stuttgart wird ständig der Feinstaub gemessen. Wer misst denn in den Kriegsgebieten überhaupt Fein- und Grobstaub? Bis wir kleines Fußvolk diese schlimmen Vergehen als einzelne wieder ausgleichen können, dauert es Jahrhunderte.

In den Köpfen derer, die uns Angst und Schuld zuweisen, läuft so vieles falsch … beziehungsweise sie verfolgen einen ganz anderen Plan…  Dabei sind wir ein Nebenprodukt und Ablenkungsmanöver. Nein, mehr denken will ich jetzt nicht. Denn wenn ich negative Energien mit meinen Gedanken erzeuge, verringert sich meine Lebensenergie und ich helfe damit niemandem. Die negative Wutenergie würde ich den wirklich Schuldigen zuschieben, die daraus neue Untaten entwickeln könnten. Das möchte ich nicht. Meine Klientin, war befreit von tief empfundener Schuld und wird freudig weiter auf ihre Umwelt achten.

Zum heutigen Schluss noch etwas Netteres. Als Kind lag ich oft auf einer Wiese im Gras und schaute den Wolken zu. Manchmal träumte ich, auf einer Wolke davonzufliegen. Ich war mir sicher, dass sie so weich wie Watte ist.

Später interessierte ich mich dafür, wie eine Wolke entsteht und aus was sie besteht. Doch dann wurde mein Alltag immer erwachsener und bescherte mir ganz andere Themen zum Erarbeiten und Nachdenken.

Es kam der Tag im August 2024 auf dem Ahorn bei Mayrhofen. Ich wanderte auf dem Berg umher, denn ich hatte noch Zeit, bis die Greifvogelschau begann. Ich setzte mich auf eine schiefe Holzbank. Um mich herum wuchsen Heidelbeeren, zu denen ich mich nur leicht hinüberbeugen musste, um sie zu pflücken und sie genüsslich zu verspeisen. Es war still um mich herum. Die anderen Gäste hatten sich so verteilt, dass niemand zu sehen war. Ich beobachtete, wie einige Nebelschwaden vom Tal nach oben waberten und sich im seichten Wind von rechts nach links treiben ließen und wieder Richtung Tal verschwanden. Von der Sonne angestrahlt, waren sie weiß; hatten sie die Sonne bedeckt, sahen sie grau aus. Als ich dem Treiben entspannt zusah, habe ich mir die Frage gestellt, ob es sich bei dem, was ich beobachtete, um Nebelschwaden oder Wolken handelte.

Der Nebel haftet am Boden, während Wolken in der Luft fliegen oder ziehen. Heißt es. Nach der Vogelschau hatte sich der Nebel so stark verdichtet, dass ich die Hand vor Augen nicht sehen konnte. Ich musste genau auf meine Schritte achten, denn der geschlängelte Weg war nicht mehr zu sehen. Lediglich das Kuhglockengeläut begleitete mich, mal leise, mal etwas lauter. Plötzlich stand eine Kuh direkt vor mir. Sie sah mich an, ich sah sie an, und so verweilten wir einige Sekunden im dichten Nebel.

Ich fing plötzlich an zu lachen. Nein, besser gesagt, aus meinem Bauch- und Herzbereich heraus ließ es mich lauthals lachen. Gerade in diesem Moment hatte ich begriffen, was eine Wolke ist. Kalt, feucht und undurchsichtig. Auf dem Berg war ich dem Himmel ja sehr nahe. Es musste eine Wolke sein. Auf einer solchen wollte ich als Kind am Himmel davonschweben. Brrr.  Vom Schweben konnte ich nichts empfinden. Die Kuh schien den Kopf zu schütteln und ging mir langsam aus dem Weg, verschwand im kühlen Grau.

Später, im Gasthaus, bei heißer Schokolade und Kaiserschmarren, sinnierte ich vor mich hin. Alles, was ich bisher über Wolken wusste, war Theorie, waren einfach nur Begriffe für etwas. Gerade eben habe ich dieses Etwas mit allen Sinnen ganz tief innen in mir erkannt. War es vielleicht eine Art Erleuchtung?  Der Unterschied zwischen einem gesprochenen Wort, das im Verstand verstanden wird, und einem Zustand, der tatsächlich in der Tiefe empfunden wird, wurde mir hier wieder sehr deutlich. Begreifen und Verstehen ist weit mehr als nur Worte aussprechen. Es findet auf einer ganz anderen, feinstofflicheren Ebene statt. Gerade deshalb lasse ich mir meinen kindlichen Traum vom Wolkenfliegen nicht nehmen.